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In Memoriam: "Bobo" - Emmett Louis Till (25.07.1941 – 28.08.1955)
(zu alt für eine Antwort)
Monika Förster
2012-05-08 23:59:21 UTC
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Raw Message
Auf CD13 der Hörbuchserie "Kinski spricht Werke der Weltliteratur" ist
eine Ballade enthalten, die einem 14jährigen Jungen namens "Bobo"
gewidmet ist, den es tatsächlich ebenso gab wie das, was ihm von
rassistischen KKK-Fanatikern angetan wurde:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emmett_Till (deutschsprachig)
http://en.wikipedia.org/wiki/Emmett_Till (englischsprachig)

Hier kommt der Text - wer sich für das Hörbuch interessiert, kann es
sich u.a. auf Amazon bequem beschaffen:
http://www.amazon.de/Kinski-spricht-Werke-Weltliteratur-CDs/dp/3829113668

Es wurde von der Deutschen Grammophon herausgegeben. Ich habe es so
niedergeschrieben, wie ich es gehört habe. Die Strophen mögen also nicht
unbedingt original sein; die Satzzeichen ebensowenig.

Hoffe, daß es soweit passt. So richtig rüber kommt es allerdings nur
beim Meister:

Klaus Kinski, in der gesprochenen Version.

Meines Erachtens ist dieses Gedicht heute aktueller denn je - aus
vielerlei Gründen.


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Titel: "Amerikaballade" - "Bobo"


Nun kommt her zu mir
kommt alle her und höret!
Denn Ihr müßt es jetzt von mir hören!
Ich will es Euch erzählen.

Ihr habt es wohl in den Zeitungen gelesen...
aber die leeren Worte,
welche die Weißhände aufgeschrieben haben,
sie haben kein Gewicht...

Wie sollten sie auch wissen
von dem Schmerz,
der einer Mutter Herz zerreißt.
Haben sie vielleicht die Tränen gezählt,
die ich geweint habe?
Oder haben sie die Schreie gehört,
welche das Leid aus meinem Herzen losgerissen hat?

Sie sind aufgeflogen zu Gottes Thron,
Gott hat sie gehört;
aber es ist nicht genug,
wenn Gott sie gehört hat;
die ganze Welt muß sie hören!

Und Ihr, Ihr müßt sie weitertragen;
zu jedem, der Euch begegnet,
müßt Ihr sagen:
"Sie haben ein unschuldig Kind erschlagen,
einer Mutter Kind haben sie erschlagen,
sie haben es getan,
weil die Farbe seine Haut nicht weiß gewesen ist!

Ungesühnt ist die Tat geblieben
und die Schuldigen leben noch heute,
wie sie vor der Tat gelebt haben.

Aber nun sollen es alle hören.
Oh, ich weiß es so genau,
als wäre ich dabei gewesen...

Denn es ist ja
das Herz einer Mutter immer dabei,
wenn der Sohn stirbt.
Der Trost ihrer Augen...

... ach, wie schön er gewesen ist:
Schön und klug,
kühn und gelenkig.
Er war 14 Jahre alt,
schon ist er reif geworden.

Ich weiß es, sein Geschlecht
ist groß und stolz geworden,
wenn er ein schönes Mädchen erblickt hat.

Ach, er hätte bald Enkelkinder erzeugt,
einer armen, verlassenen Frau:
Schöne Kinder - so schön,
wie er selbst gewesen ist.

Ach, in heißer Lust habe ich ihn empfangen,
in brennendem Schmerz habe ich ihn geboren,
er hat meine Brüste leergesogen,
und in verzehrendem Leid habe ich ihn verloren.


Der Tag ist gekommen,
an dem das Kind zu mir gesagt hat:
"Ich gehe jetzt an den Mississippi, Mom"
Ich will Deinen Bruder besuchen.
Ich will das Haus sehen,
aus dem wir stammen.

Ich will die Welt sehen,
und die Menschen,
wo sie anders sind als
hier in der Stadt.

Ach, wie bin ich erschrocken!
Geantwortet habe ich:
"Tu's nicht, tu's nicht,
mein Kind,
Du weißt nicht,
wie es dort ist.

Sie hassen dort die Menschen,
wenn sie schön gewachsen sind
und stolz sind
- und wenn sie Neger sind!

Die weißen Gesichter lassen Dich
nicht in dem gleichen Wagen fahren,
in dem sie fahren.

Du mußt demütig sein,
wenn Du sie siehst.
Du mußt Deine Blicke senken,
vor ihnen.
Du mußt niederknien...

Denn sonst kommen sie
in der Nacht,
mit weißen Kapuzen,
aus denen nur die Augen glühn,
mein Kind,
und schlagen Dich tot."

Er hat mich ausgelacht
und hat gesagt:
"Was erzählst Du mir für Märchen, Mom?

Wie die Großmütter,
die ihre Enkelkinder
das Gruseln lehren wollen.
Das alles ist längst vergangen.

Bin ich denn nicht
ein freier Bürger,
in einem freien Land?
Ist nicht das Gesetz
mein Schutz?

Ich bin stolz darauf,
daß ich ein Bürger
dieses Landes bin!"

Er hat mich geküßt
und ich habe mich geschämt
und habe gedacht:
"Sarah, Sarah ist
ein altes, dummes Weib geworden.
Doch was für einen
klugen Sohn sie hat!

Natürlich ist alles anders geworden,
sind wir denn nicht hineingewachsen
in dieses Land,
mit unseren Wurzeln?

Haben sie nicht auch unsere
Söhne in den Krieg geschickt?
Sind nicht auch unsere
Tränen in die Erde geflossen?
Und haben wir denn nicht auch
unsere Toten in diese Erde gebettet?

Und beten nicht auch wir,
wie die anderen,
zu dem Herrn Jesus Christ -
nur noch viel inbrünstiger,
viel heißer, als sie es tun?

Ach, ich Närrin,
habe ich denn nicht
in meinem Leben genug erfahren,
habe ich denn nicht gewußt,
daß das Alter mehr weiß
als die Jugend,
und daß die Menschen sich
immer gleich bleiben?

Aber blind bin ich gewesen,
blind aus Stolz und aus Liebe
zu meinem Sohn,
und habe nicht wahrhaben wollen,
was mein Herz mir gesagt hat.

Ich habe ihn gehen lassen.

Wenn ich auch in allen Nächten,
in denen er fortgewesen ist,
mit offenen Augen in die
Finsternis gestarrt habe,

und wenn auch zu Häupten meines Bettes
die Angst gestanden ist
und mein Herz versteint hat...

Aber zu spät ist es jetzt gewesen,
viel zu spät...

Und alle meine Liebe hat
ihn nicht zurückrufen können.

Wie sollte ich auch
das Haus nicht kennen,
das meinem lieben Kind
zur letzten Herberge geworden ist?

Ist es nicht meines Bruders Haus,
des Predigers?

Hatte es nicht vordem
meinem Vater gehört,
und den Vorvätern?

Ach, wie oft bin ich,
als ich ein Kind war,
in die beiden Stuben gegangen,
deren Wände damals schon
schief gewesen sind.

Und wenn der Sturm
vom Strom heraufheult,
dann haben die losen Bretter
an den Wänden die Tanzmusik gemacht.

Habe ich mich nicht
an den Abenden,
wenn die Schiffe
vom Fluß heraufschrien,
wie die brünstigen Stiere
in den dunkeln Winkeln versteckt,
weil ich mich fürchtete?

Denn die Furcht vor den Weißgesichtern
war uns allen eingeboren.
Und wenn ich die Augen schloß,
dann erschienen diese Gesichter vor mir,
so schrecklich, so voll Drohung...

Warum sagt denn keiner
von Euch ein Wort?
Warum seid Ihr so schrecklich stumm?

Ihr blickt mich an,
als hättet Ihr
mich noch nie erkannt!

Muß ich denn mein Herz
aus der Brust reißen,
und Euch entgegentragen,
um Euch lebendig zu machen?

Habt Ihr denn noch niemals
das Gesicht einer Mutter gesehn,
der das Köstlichste genommen ist,
was sie besessen hat?
Seid Ihr so versteinert?

Aber Ihr wollt ja,
daß ich Euch die Geschichte
von meinem Sohn erzähle,
oder wollt Ihr es nicht?

Ihr gebt keine Antwort.
Vielleicht fürchtet Ihr Euch,
weil Ihr nicht wißt,
was Ihr danach tun werdet.

Ich weiß es ja auch nicht.


Der Prediger hat gesagt:
"Die Rache ist mein,
spricht der Herr."

Aber vielleicht haben
die Weißgesichter ihn bezahlt.
Wenn ich in meinen Träumen
das Kind weinen höre,
das sie mir getötet haben,
dann weiß ich nicht mehr,
ob es einen Gott gibt.

Vielleicht gibt es
einen weißen Heiland
und der schwarze Heiland
ist noch nicht geboren!


Ich bin alt,
ich bin einfältig
und dumm.
Hab ich auch
nicht viel gelernt
in der Schule,

so weiß ich doch nur,
daß mein Herz genauso
wund ist vom Leiden
und daß ich von nun an
immer vor mir sehen muß,
wie er gestorben ist!


Es hat so angefangen,
daß sie vorm Laden
am Kreuzweg gespielt haben,
wie Kinder spielen.

Bobo hat mit den Silbermünzen
in der Hosentasche geklimpert.
Er hat den Gespielen zugenickt.

War er denn nicht
ihr großer Vetter,
der aus dem Norden kam,
aus der Sagenstadt Chicago?

Und er sagte:
"Ich will Euch allen etwas kaufen,
denn ich habe viel Geld.
In Chicago nämlich
liegt das Geld auf der Straße.
Man muß flink genug sein beim Zugreifen,
dann gehört es einem."

Und sie drängten sich alle um ihn,
am Schaufenster,
und blickten in den Laden hinein.

Dort brannte das Licht
in den Lampen und machte
den dunklen Raum sehr hell.


Bobo sah die junge Frau,
die sich dort zu schaffen machte.
Er sagte:

"Wie gefällt sie mir!
Sie ist so leuchtend, so schön.
Sie hat so zarte Glieder.
Grade so schön ist sie,
wie meine Freundin in Chicago."

'Die anderen lachten
übe diese Worte, voll Unglauben.
Sie stießen sich an und sagten:
"Aber diese ist doch eine Weiße."

Da sagte er:
"Meine Freundin ist auch eine Weiße.
Was macht dies schon für einen Unterschied?
Und nun gehe ich gradewegs in den Laden
und frage diese, ob sie nicht
heute abend mit mir ausgehen will."

Da lachten die Kinder noch viel mehr,
sie sagten:
"Da mußt Du erst Deine
schwarze Haut weiß anmalen,
Du Großmaul,
Du bist ein Nigger!

Du darfst mit einer weißen Frau
nicht sprechen, Narr -
außer wenn Du ihr Antwort geben mußt,
sonst töten sie Dich!"

Hach, Bobo -
Bobo, mein liebes Kind,
tu's nicht...
Geh nicht hinein.
Du weißt ja nicht, was Du tust!

Ach Bobo! Ich sehe wohl
die Falte auf Deiner Stirn,
aber tu's nicht...
tu's nicht, ich bitt' Dich!

Kannst Du denn Deiner Mutter
Stimme nicht hören?

Er aber sah die Kinder,
die über ihn lachten.
Und da streckte er voll Verachtung
über sie die Hand aus,
und öffnete die Tür und trat ein.

Er sah die zarte Frau in dem Laden
und die kühlere Luft
prickelte auf seiner Haut.

Die Frau blickte ihm entgegen
und fragte ein wenig ungewiß
und mit spröder Stimme,
was er wolle?

Da lachte Bobo, und sagte:
"Ich will Dich, Du Wunderschöne,
gefällst mir so!
Wollen wir nicht heute abend,
wenn der Mond heraufkommt,
miteinander an den Fluß gehen
und zusehen, wie die Schiffe
dem Wehr zufahren?"

Als er sah, wie die Frau erschrak,
sagte er arglos:
"Du mußt Dich nicht fürchten, Wunderschöne.
Ich weiß, wie man eine weiße Frau liebt.
Aber ich habe jetzt,
als ich Dich gesehen habe,
alle anderen Mädchen vergessen."

Da floh die Frau hinter den Ladentisch,
er aber streckte seine Arme aus
und wollte sie an sich ziehn,
er wollte sie küssen,
denn sein Herz war ganz lichterloh
vor Liebe...

Sie aber riß die Schublade auf
und hielt eine Pistole in der Hand
und rief:

"Wilst Du wohl hinausgehn,
Du verdammter Nigger,
wenn ich auf drei gezählt habe
und seh Dich noch in meinem Laden,
dann schieße ich!"

Da verließ er das Geschäft.

Die Kinder aber, die von draußen
alles gesehen hatten,
ergriffen ihn bei der Hand
und rissen ihn mit sich fort
auf die Flucht
und waren ganz atemlos
vor Furcht und Entsetzen,

und das kleine schwarze Mädchen,
das neben ihm rannte, weinte:
"Ach Bobo, Bobo - nun mußt Du sterben!
Weißt Du denn nicht,
daß jeder Nigger,
der mit einer weißen Frau so spricht,
wie Du es getan hast,
sterben muß?"


Ich höre, ich höre
einen Wagen fahren über den Weg.
Ich höre, wie seine Bremsen knirschen,
und wie er hält.

Ich höre eine Wagentür schlagen.
Ich höre - ach, ich höre Schritte,
schwere, langsame - sie knirschen
über den Kiesweg auf das kleine Haus zu...

Ich höre - ach ich höre eine Faust,
die hart an die Tür schlägt.
Die Tür ist ja nicht verschlossen,
sie fährt auf, krachend
schlägt sie gegen die Wand...

Ich höre - ach, jetzt höre ich die Stimme
meines Bruders, des Predigers,
sie ist ganz tief
in seine Kehle zurückgekrochen,
vor Angst und sie fragt:

"Warum kommt Ihr denn so spät
in der Nacht zu meinem Haus, Ihr Herren?
Wen sucht Ihr?"

Mein Herz ist erstarrt,
ich höre eine Stimme,
die hart ist und unerbittlich
und rasch und voll Befehl:
Die Stimme des weißen Mannes.

Sie sagt:

"Wen denn werden wir auch
zu nachtschlafener Zeit suchen,
Du weißt das wohl, Du Narr!

Es ist der Nigger aus Chicago,
in Deinem Haus, gib ihn heraus,
dann werden wir Dir
und den Deinen nichts tun!"

Und ich höre den Bruder antworten:
"Ach Ihr Herren, seid doch barmherzig.
Er ist ja noch ein Kind,
unwissend und verwirrt im Kopf.
Wie sollte er auch die Stellung kennen,
die ihm hier zukommt,
er weiß ja nicht, was er getan hat.

Morgen in aller Frühe
will ich mit ihm zur Station
und ihm eine Fahrkarte kaufen,
und ich will ihn zurückschicken,
woher er gekommen ist.
Es ist schon so beschlossen.
Er paßt nicht hierher."

Da sagte eine andere Stimme:
"Haben wir Dich um Rat gefragt
- Du Nigger?
Behalte Deine Worte bei Dir,
bis Du gefragt bist!
Oder hast Du auch schon
den Platz vergessen,
an den Du gehörst?"

Und eine andere Stimme sagte:
"Gib uns den Nigger heraus,
er muß eine Lektion lernen,
ehe er heimkehrt!
Vielleicht kannst Du Dir dann
das Fahrgeld auch ganz sparen!"

Eine Taschenlampe blitzt auf,
sie drängen durch die Tür,
sie verbergen sich nicht,
wozu auch sollten sie sich verbergen?

Sie wissen ja,
daß sie die Herren sind,
und daß sie tun können,
was ihnen beliebt.

Denn wer der Herr ist,
der hat das Recht.

Ach, Bobo...
Ach mein lieber Sohn,
Du armes Kind.

Du weißt dies ja nicht.
Du hast dies nicht erfahren.
In einem mühseligen Leben.

Du weißt nicht,
daß der Schwache sich besser verkriecht,
wenn der Starke auf der Straße daherkommt.

Noch ist es Zeit.
Ach, höre auf die Stimme Deiner Mutter,
mein Kind...
... aber er hört es ja nicht.

Er hört es nicht.

Schon kommen aus dem Haus
die Schritte wieder,
diesmal sind es die Schritte von Dreien.

Ich sehe mein Kind,
es geht aufrecht
zwischen den beiden Männern.

Ach ja - er ist ihnen
gleich an Wuchs.

Und er schreitet
wie ein freier Mann.
Freiwillig, zwischen ihnen.

Es braucht ihn keiner halten.

Es macht ja auch die Nacht,
daß der andern Gesichter
so schwarz sind, wie seins.

Und ich höre,
ja ich höre seine Stimme:
Wie stolz sie ist, so klar.
Und er sagt:

"Ich habe nichts
gegen das Gesetz getan, Ihr Männer.

Warum sollte ich mich
vor Euch fürchten?

Ich bin ein freier Bürger, wie Ihr!
Nicht geringer, und nicht besser.

Das Gesetz wird mich schützen.
Vor ihm sind wir alle gleich.

Deshalb gehe ich mit Euch.
Aber Ihr werdet bezahlen müssen,
für alles, was Ihr tut."


Ich höre sie lachen.
Es ist ein häßliches Lachen,
voll Zorn und voll Verachtung.

Und dann steigen sie in den Wagen.
Und ich höre sie davonfahren,
in die stumme Nacht hinein,
die sich lautlos hinter ihnen schließt.

Oh, mein Kind. Mein Kind!
Wie könnte auch der Mund Deiner Mutter
dies alles hören,
was sie Dir getan haben,
und was die Male Deines Leidens erzählt.

Sie haben Dich hinausgebracht,
weit fort aus der Gegend,
in welcher Menschen wohnen.

Dort steht am Rande des Sumpfes
eine alte Hütte
und durch die leeren Fenster ragend
ist das Licht des Mondes geflossen,
das Silberweiß...

Sie haben kein Licht gebraucht,
denn nur in den Winkeln sind
wie Schatten gehockt wie giftige Kröten
und haben mit lüsternen Augen zugesehen,
was die Menschen einander antun können...

Sie haben Dich an die Wand gestellt;
er, auf dessen Handrücken rötlicher Flaum wuchs,
hat gesagt:

"Siehst Du diesen Colt, mein Liebling?
Er hat mich im Kriege
durch viele Länder Europas begleitet.
Er hat manchen zu Tod gebissen.
Auch Dich wird er kirre machen."

Und da antwortete Bobo:
"Aber wir sind jetzt nicht im Krieg.
Und ich bin auch nicht Dein Feind.
Warum verfolgst Du mich?
Ich habe Dir nichts getan!

Und hätte ich die gleiche Haut wie Du,
so würdest Du nicht daran denken,
mir zu drohen."

Da haben sie ihn geschlagen.
Ach, daß ich doch hätte in dieser Stunde
bei Dir sein können, mein Kind.
Daß ich mich doch hätte
vor Dich stellen können!
Die Schläge, die ich
für Dich hätte auffangen können,
wären mir süße Speise gewesen!

Ich kenne mein Kind.
Wenn einer es zwingen will,
dann wird es starr und stumm.

Nein, er weinte nicht.
Er schrie nicht.
Er bat nicht.
Er blickte seine Peiniger
mit starren Augen an.

Und es verging eine lange Zeit.
Dann sagte der eine:
"Bald wird der Morgen dämmern.
Dann müssen wir fertig sein mit ihm.
Wozu sollen wir uns auch mit diesem da
soviel Mühe geben?

Wir wollen ihn an den Fluß nehmen,
dann brauchen wir kein Grab
für ihn zu schaufeln.
Es werden die weiten Wasser ihn begraben."

Da sagte der andere:
"In der verlassenen Gin-Mühle
liegt eine Zentrifuge im Hof.
Die ist schwer genug, daß
ihn die Tiefe nicht zurückgeben kann."

Sie lachten, sie riefen:
"Hey, Du! Du stummer Fisch!
Hast Du denn nichts zu sagen?

Wenn Du uns auf den Knien
um Verzeihung bittest,
und wenn Du uns stillschweigend schwörst,
so wollen wir Gnade für Recht
über Dich loslassen.

Da sagte das Kind:
"Wenn die Morgendämmerung kommt,
dann werde ich die Menschen,
die in die Felder gehen,
zu Hilfe herbeirufen,
ich will Euch vor den Richter bringen!

Ihr werdet dann dafür stehen müssen,
was Ihr einem Mitbürger getan habt!"


Da lachten sie nicht mehr.
Sie sagten:
"Nun ist es genug."

Sie griffen ihn an den Armen
und brachten ihn zu ihrem Wagen.
Das Blut lief ihm übers Gesicht.

Sie taten alles, wie sie gesagt hatten.
Und dann standen sie mit ihm
auf dem Damm überm Fluß
und nun wehte schon der Morgenwind
von den Feldern her
und vom Fluß herauf dampften die Nebel.

Sie zwangen ihn,
seine Kleider abzulegen
bis er nackt war.

Sie baten ihn an die schwere Zentrifuge,
die er selber hatte
aus dem Wagen tragen müssen.

Der mit dem rötlichen Flaum
auf dem Handrücken
hielt ihm die kalte Mündung
des Colt an die Schläfe
und sagte mit heiserer Stimme:

"Nun ist es genug, Du Hundesohn.
Ich frag Dich zum letzten Mal.
Nun haben wir keine Geduld mehr.
Hast Du nun gelernt, wo Dein Platz ist?
Knie nieder, und küß unsere Füße!"


Ach, Bobo.
Knie nieder, mein Kind, knie nieder.
Sag alles, was sie hören wollen.
Du kennst ja ihre harten Herzen nicht.

Es ist ja auch nicht
Dein Stolz und Deine Ehre,
die an diesem Morgen sterben müssen.


Aber er hebt seine Augen.
Die Lider sind geschwollen,
doch seine Stimme bebt nicht,
als er sagt:
"Ich hätte nie einen Menschen
so quälen können
wie Ihr es getan habt.
Ich kenne meinen Platz.

Ich muß wohl doch
besser sein als Ihr.
Denn Ihr wißt ja nicht einmal,
wie schlecht Ihr seid!"


Sie haben ihn
aus dem Fluß aufgefischt,
nach vielen Tagen.

Ich habe den Finger
auf die kleine Wunde
an seiner Schläfe gelegt.

Ich habe das stille Gesicht gestreichelt,
das die Schläge, und das Wasser,
und das die Zeit verwüstet hat.


Und es hat mich
der Richter gefragt:
"Ist dies Dein Sohn - Bobo?"

Ich habe geweint.
Ich konnte nicht sprechen vor Weinen.


Und da sagte der Richter:
"Sprich! Wenn Du nicht antwortest,
so können wir auch diese Männer nicht strafen,
welche die Tat getan haben!"

Und da sage ich:
"Ach ja Herr, dies ist mein Kind."


Und da fragte der Richter:
"Woran erkennst Du es denn?"

Und da sagte ich:
"Ach Herr, wie sollte ich auch
mein liebes Kind nicht kennen?"


Und da fragte der Richter:
"Erkennst Du es an irgendeinem Zeichen?"

Und da sagte ich:
"Ach ja Herr, ich erkenne es
an dem Leid, das in meinem Herzen brennt,
an den Tränen, die aus meinen Augen fließen,
an der Liebe, die mich seine armen Augen küssen läßt."


Und da sagte der Richer:
"Das sind keine Beweise, Frau.
Du mußt ihn an irgendeinem Zeichen
an seinem Leibe erkennen.
Hat er nicht ein Muttermal gehabt
oder eine Narbe?"

Da weinte ich noch viel mehr und sagte:
"Sein Leib ist ohne Makel gewesen.
Aber ist denn nicht die Stimme meines Herzens
mehr als alle Zeichen?"


Da sagte der Richter:
"Wir haben keinen Beweis,
daß dieser hier Bobo Dein Sohn ist.
Wir müssen die beiden weißen Männer
freisprechen..."


Sie wollten es so haben.
Sie lieben die Gerechtigkeit nicht,
wenn sie zwischen ihnen und uns entscheiden soll.

Aber was soll mir dies alles...
Wo seid Ihr denn alle hingegangen,
die Ihr um mich gestanden seid?


Ach, jetzt bin ich ganz alleine.
Nun sind sie alle fortgegangen.
Vielleich haben sie sich gefürchtet?
Sie wollten diese Geschichte
lieber nicht hören.

Ach Bobo, mein liebes Kind.
Was mir auch die Rache?
Eiei, ich bin ein altes Weib geworden,
taub und einfältig.

Meine Brüste, die einst einem Mann entgegengeblüht haben,
sind welk geworden.
Mein Geschlecht ist längst vertrocknet.
Heiei, ich bin wie der Baum,
dessen Frucht zu früh gefallen ist.
Nun breitet er seine Äste aus
und will sein Laub abwerfen,
um zu sterben.


Der Fluß hat Dein Blut getrunken,
mein liebes Kind.
Nun wird er es hinaustragen
in alle Meere.

Wir alle müßten ja umkommen,
wenn wir Gerechtigkeit suchen müßten.

Nur ...


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http://de.wikipedia.org/wiki/Emmett_Till#Nachwirkungen
"Jahrzehnte später recherchierte der Filmemacher Keith Beauchamp für
seinen Dokumentarfilm The Untold Story of Emmett Louis Till viereinhalb
Jahre in Money und Umgebung. Für den Film hat er zahlreiche Augenzeugen
befragt und neue Hinweise auf weitere Tathelfer gefunden.

Darin wird erklärt, dass Keith Beauchamp mittlerweile an mindestens zehn
Tatbeteiligte glaubt. Die Bundespolizei vernimmt seither Zeitzeugen,
Augenzeugen, Verdächtige und Informanten. Ende Mai 2005 exhumierte das
FBI den Leichnam Emmett Tills und ließ ihn gerichtsmedizinisch
untersuchen. Als Hauptverdächtige gilt Carolyn Bonham, geschiedene
Bryant, die nach den Recherchen Keith Beauchamps heute vollkommen
zurückgezogen lebt und ihr Haus in Greenville kaum noch verlässt. Emmett
Tills Mutter, die zeitlebens durch das Land fuhr und die Geschichte
ihres Sohnes an die Öffentlichkeit trug, erlebte die Neuaufnahme der
Ermittlungen nicht mehr. Sie starb im Januar 2003."
Monika Förster
2012-05-11 20:18:31 UTC
Permalink
Raw Message
Am 09.05.2012 01:59, schrieb Monika Förster:


Ein paar weitere Artikel dazu:
"Lynchmord kommt nach 50 Jahren vor Gericht"
Von Roman Heflik
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,299351,00.html



(Doku, deutschsprachig)


"Grand jury issues no indictment in Till killing
FBI investigation had focused on woman at whom black teen whistled"
http://www.clarionledger.com/article/20070227/NEWS/702270388/Grand-jury-issues-no-indictment-Till-killing
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