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Hasst der Franzose den Deutschen?
(zu alt für eine Antwort)
Monika Förster
2011-07-18 21:25:19 UTC
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In einem außerordentlich witzigen »Rundgesang« hat hier neulich Richard
Katz (postlagernd, Neuseeland), daran erinnert, wer wen überall haßt.
Darin heißt es:

In Amerika haßt man Neger.

Im Neger-Kongo haßt man Franzosen.

In Frankreich haßt man Deutsche.

Wirklich –?

Seit Poincarés Abgang ist in der französischen Außenpolitik von Haß
gegenüber Deutschland nichts mehr zu merken. Ob die französische
Regierung alles getan hat, um mit Deutschland ins richtige Einvernehmen
zu kommen, und ob sie alles in richtiger Weise getan – ist eine andere
Sache. Aber Haß –? Nein.

Viel wichtiger ist aber die Frage, ob »der« Franzose, ob breite
französische Gesellschaftsschichten den Deutschen hassen. Dies sind
meine Erfahrungen:

Es gibt Gesellschaftskreise, die mit Deutschen nicht verkehren, die mit
allen Mitteln verhindern würden, dass die Tochter des Hauses einen
Deutschen heiratet, die ausgesprochen deutsch-feindlich sind. Diese
Kreise sind, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, verschwindend gering:
es sind dies gewisse Teile des Adels (nicht des internationalen
Hochadels); gewisse klerikale Familien, kleine Schichten der
provinziellen Bourgeoisie. Sonst aber ist mit gutem Gewissen zu sagen:

Der Franzose haßt den Deutschen nicht.

Ganz abgesehen, dass der reisende Deutsche von leichter Monomanie
besessen ist und, wenn er ins Ausland fährt, nun alles darauf abstellt,
ob man ihn liebe oder nicht, sich so als den Nabel der Welt fühlend, ist
der Franzose gegen Fremde verschlossen. Das geht aber so weit, dass der
Pariser etwa sagt: »In diesem Viertel wohnen viele Fremde« – und wenn du
hinkommst, dann sind es Bretonen und Leute aus dem »midi«. Das sind für
ihn Fremde.

Bei der Betrachtung Frankreichs und insbesondere seiner Hauptstadt ist
immer wieder darauf hinzuweisen, dass der Franzose nicht neugierig ist.
Fremde interessieren ihn nicht. Es ist für einen Mann aus der Normandie
nicht ganz leicht, ohne Beziehungen in pariser Gesellschaftskreise
hereinzukommen – seine Verwandtschaft ausgenommen. Es ist für einen
Nicht-Franzosen ausgesprochen schwer, ganz gleich, ob er Engländer,
Schwede oder Argentinier ist. Das Mißtrauen der Pariser, die so viel
Fremde hier durchbrausen sehen, ist zunächst nicht ganz gering – und vor
allem ist es ihm vollständig gleichgültig, dass ein Chinese oder ein
Däne zu ihm kommt. Er wünscht nicht, ihn auszufragen – er hat nicht das
Bedürfnis, Näheres über fremde Länder zu erfahren – der da ist ihm fremd
– er sucht nicht, mit ihm zu verkehren. (Auch die Frauen wünschen es
nicht. Fremde Abstammung ist in Berlin für den Mann ein Plus – in Paris
steht der Fremde höchstens pari.)

Diese mangelnde Neugier, diese Gleichgültigkeit wird häufig von Fremden
als Ablehnung empfunden, sie ist es aber nicht. Die Tatsache, dass du
aus Dresden nach Paris kommst, fügt zu der allgemeinen Schwierigkeit,
mit dem französischen Bürgertum in näheren Verkehr zu treten, nur noch
ein winziges Quentchen hinzu. Du bist nicht so sehr Deutscher – als:
nicht Franzose. Das ist das Entscheidende.

Soweit man über »den« französischen Arbeiter ein Urteil fällen darf, ist
zu sagen, dass er Deutschenhaß nicht kennt – eher im Gegenteil. Selbst
bei der Hälfte der Kriegsverletzten, soweit sie nicht national
organisiert sind, ist von einem Haß nichts zu spüren, nicht einmal von
einer Abneigung – und ich habe mehr als einem freundschaftlich die Hand
gedrückt. »Que voulez-vous! La guerre est finie!«

Streckten wir die Hände aus: sie würden ergriffen werden. Nur wissen wir
nichts voneinander, sind uns fremd und so weit voneinander entfernt.
Sähe der Franzose die Hand –: er ergriffe sie. In den Schulen und auf
der Universität, in Gesellschaft und auf der Straße –: ich bin viel
Gleichgültigkeit, dumpfer Unaufgeklärtheit, Unwissenheit und politischer
Unkenntnis begegnet. Haß nicht. Man sollte ihn auch in Deutschland abbauen.

Peter Panter

Vossische Zeitung, 23.03.1926.
--
("Peter Panter" war ein Pseudonym für Kurt Tucholsky)
Monika Förster
2011-07-18 23:34:22 UTC
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Post by Monika Förster
Diese mangelnde Neugier, diese Gleichgültigkeit wird häufig von Fremden
als Ablehnung empfunden, sie ist es aber nicht.
P.S.:

"Merkwürdig, die Menschen erwarten einfach, daß man sich für sie
interessiert!"

(Jules Renard)

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