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Deutschland leidet unter einem,Brain Drain
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Monika Förster
2012-12-01 16:40:49 UTC
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"In Deutschland vollzieht sich quantitativ und qualitativ ein Wandel in
der Struktur der Wanderungsbewegungen. Nach den Zahlen des Statistischen
Bundesamtes standen im Jahr 2008 682 000 Zuzügen 738 000 Fortzüge
gegenüber. Damit sind in Deutschland zum ersten Mal seit der deutschen
Vereinigung mehr Menschen aus- als eingewandert. Dies wäre nicht weiter
beunruhigend, wenn diese Entwicklung auf die Finanzkrise zurückzuführen
wäre. Dies ist jedoch nicht der Fall. In Deutschland ist
bereits seit Mitte der 1990er Jahre ein kontinuierlicher Rückgang des
Saldos ausZu- und Fortzügen zu beobachten. So ist der Wanderungssaldo
von durchschnittlich 318 000 Personen p.a. in den 1990er Jahren seit dem
Jahr 2000 auf durchschnittlich 129 000 Personen p.a. gefallen. Auch die
wirtschaftliche Erholung ab dem Jahr 2005 hat nicht zu einem Anstieg der
Migration geführt.

Würde diese Entwicklung anhalten, ergäben sich gravierende Folgen für
die demographische Struktur der Bevölkerung und die sozialen
Sicherungssysteme. Nach den demographischen Projektionen des IAB würde
unter optimistischen Annahmen über eine steigende Erwerbspartizipation
von Frauen das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland ohne eine
Nettozuwanderung von 44,5 Mio. Personen im Jahr 2005 auf 28 Mio.
Personen im Jahr 2050 sinken. Bei einer Nettozuwanderung von 200 000
Personen im Jahr – das entspräche dem langfristigen historischen
Durchschnitt in Deutschland – könnte das Erwerbspersonenpotenzial im
Jahr 2050 immerhin noch bei etwa 35 Mio. Personen stabilisiert werden.
Eine Fortsetzung des gegenwärtigen Wanderungstrends würde dagegen
erhebliche Folgen für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme,
insbesondere der Rentenversicherungen, aufwerfen.

Neben dem quantitativen Rückgang der Zuwanderung zeichnet sich ein
schleichender, aber nicht minder beunruigender Trend in der Qualifi
kationsstruktur der Wanderungsbewegungen ab. Immer mehr deutsche
Staatsbürger mit mittleren und hohen Qualifikationen verlassen
Deutschland. Dieser schon länger zu beobachtende Trend wurde statistisch
lange durch die Zuwanderung von Spätaussiedlern nach
Deutschland verdeckt. Die deutschen Auswanderer sind deutlich höher
qualifiziert als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung. Zwar
handelt es sich nicht nur um hoch qualifizierte Hochschulabsolventen,
sondern in der Mehrheit um qualifizierte Facharbeiter. Dennoch ist der
Anteil der Hochschulabsolventen deutlich höher als im Durchschnitt
der Bevölkerung. Dies ist nicht weiter ungewöhnlich, weil die
Wanderungsneigung in den meisten Ländern mit zunehmender Qualifikation
steigt.

Der negative Wanderungssaldo der deutschen Bevölkerung reflektiert die
zunehmende Internationalisierung der Arbeitsmärkte für qualifizierte und
hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Deutschland könnte von diesem Trend
profitieren, wenn in gleichem Maße auch qualifizierte und hoch
qualifizierte Arbeitskräfte nach Deutschland wandern würden.
Dies ist jedoch nicht der Fall. Nach den vorliegenden Daten ist
Deutschland ein Nettoexporteur von hoch qualifizierten Arbeitskräften.
Im Zensusjahr 2000/01 lebten rund 940 000 Deutsche mit
Hochschulabschluss in anderen OECD-Ländern, denen 570 000
Ausländer mit Hochschulabschluss aus der OECD in Deutschland
gegenüberstanden. Damals konnte diese Differenz gerade noch durch die
Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer aus Nicht-OECD Staaten mit
Hochschulabschluss ausgeglichen werden.

Nun hat Deutschland in den vergangenen Jahren durch verschiedene
Reformen des Zuwanderungsrechts versucht, hoch qualifizierte
Arbeitskräfte auch aus Drittstaaten, d.h. aus Staaten, die nicht der
Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum angehören, zu
gewinnen. So wurde mit dem 2005 in Kraft getretenen Zuwanderungsrecht
einer kleinen Gruppe von Hochqualifizierten wie Wissenschaftlern und
Spitzensportlern ein Niederlassungsrecht eingeräumt. Darüber hinaus
konnten Manager und hoch qualifizierte Spezialisten eine Aufenthalts-
und Arbeitserlaubnis erhalten, sofern ihr Bruttoeinkommen das Doppelte
der Beitragsbemessungsgrenze zur gesetzlichen Krankenversicherung (rund
85 000 Euro) übersteigt. Schließlich besteht die Möglichkeit einer
befristeten Arbeitserlaubnis für qualifizierte Arbeitskräfte, sofern der
Nachweis geführt werden kann, dass diese Arbeitsplätze nicht mit
Deutschen, EU-Ausländern und anderen bevorrechtigten Ausländergruppen
besetzt werden können. Dies wird im Rahmen eines Zustimmungsverfahrens
durch die Bundesagentur für Arbeit geprüft. Im Rahmen einer 2009 in
Kraft getretenen Novellierung dieses Gesetzes wurde u.a. die
Einkommensgrenze für Spezialisten und Manager auf die
Beitragsbemessungsgrenze zur gesetzlichen Rentenversicherung gesenkt
(rund 66 000 Euro).

Diese vom früheren Bundesarbeitsminister Olaf Scholz als modernstes
Zuwanderungsrecht Europas gelobten Regelungen haben sich jedoch als
wirkungslos erwiesen. Bei 394 596 Zuzügen im Jahr 2008 wurden insgesamt
1096 Aufenthaltserlaubnisse für neu eingereiste Hochqualifi zierte,
Wissenschaftler und Selbständige erteilt. Hinzu kommen weitere 24 598
Aufenthaltserlaubnisse für neu eingereiste qualifizierte Arbeitskräfte,
die eine Aufenthaltserlaubnis nach dem Zustimmungsverfahren der BA
erhalten haben. Im Jahr 2009 ist die Zahl der Aufenthaltserlaubnisse für
neu eingereiste Hochqualifizierte und Selbständige auf 1078 Personen und
die Zahl der Aufenthaltserlaubnisse für neu eingereiste qualifi zierte
Arbeitskräfte auf 21 010 Personen gesunken.

Angesichts dieser Entwicklungen bedarf es einer Neuorientierung der
Einwanderungspolitik. Der globale Wettbewerb um hoch qualifizierte
Arbeitskräfte steht zwar erst am Anfang, aber er wird sich in den
kommenden Jahren deutlich verschärfen. Um diese zu gewinnen, müsste
Deutschland die Eingangsbarrieren für Hochschulabsolventen, aber auch
qualifizierte Facharbeiter deutlich senken. Die von der EU im
Rahmen der Bluecard-Direktive vorgeschlagene Einkommensgrenze des
1,5-fachen des Medianeinkommens wäre eine sinnvolle Einkommensgrenze,
weil sie in etwa den Anfangsgehältern von Hochschulabsolventen (rund 35
000 Euro) entspricht.

Qualifizierte Zuwanderung bedeutet allerdings auch mehr Zuwanderung.
Erhebliche Teile der Zuwanderung – wie die Wanderung innerhalb des
Gemeinsamen Binnenmarktes der EU oder der Familiennachzug – lassen sich
nicht bzw. nur begrenzt steuern. Bei einer jährlichen Zuwanderung von
400 000 bis 600 000 Personen müsste die Bruttozuwanderung um mindestens
200 000 Personen pro Jahr ausgeweitet werden, wenn eine Veränderung der
Qualifi kationsstruktur der ausländischen Bevölkerung sichtbar werden
soll. Eine solche Ausweitung kann nicht allein durch institutionelle
Regelungen erreicht werden. Sie hängt auch von vielen ökonomischen,
sozialen und kulturellen Faktoren ab. Die Chancen für eine qualifi
zierte Zuwanderung sollten jedoch in Deutschland nicht unterschätzt
werden. Zwar hat Deutschland durch die Sprache einen Wettbewerbsnachteil
gegenüber den angelsächsischen Ländern. Aber durch die Nähe zu Ost- und
Mitteleuropa, die niedrigen Hochschulgebühren
und die Leistungsstärke der exportorientierten Industrien kann
Deutschland nach dem Ende der Finanzkrise wieder zu einem der
attraktivsten Zielländer für Migranten in Europa werden. Um diese Chance
zu nutzen, müssten bereits jetzt erhebliche Reformen des
Zuwanderungsrechts und anderer für die Migration relevanter
Institutionen vorgenommen werden. Wird diese Chance versäumt, ergeben
sich auf mittlere und lange Sicht erhebliche Nachteile Deutschlands im
zunehmenden Wettbewerb um qualifi zierte Arbeitskräfte."

Herbert Brücker
Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung (IAB)
Wirtschaftsdienst 2010 | 3
www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=2324
Roland Franzius
2012-12-02 08:17:55 UTC
Permalink
Post by Monika Förster
Neben dem quantitativen Rückgang der Zuwanderung zeichnet sich ein
schleichender, aber nicht minder beunruigender Trend in der Qualifi
kationsstruktur der Wanderungsbewegungen ab. Immer mehr deutsche
Staatsbürger mit mittleren und hohen Qualifikationen verlassen
Deutschland. Dieser schon länger zu beobachtende Trend wurde statistisch
lange durch die Zuwanderung von Spätaussiedlern nach
Deutschland verdeckt. Die deutschen Auswanderer sind deutlich höher
qualifiziert als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung. Zwar
handelt es sich nicht nur um hoch qualifizierte Hochschulabsolventen,
sondern in der Mehrheit um qualifizierte Facharbeiter. Dennoch ist der
Anteil der Hochschulabsolventen deutlich höher als im Durchschnitt
der Bevölkerung. Dies ist nicht weiter ungewöhnlich, weil die
Wanderungsneigung in den meisten Ländern mit zunehmender Qualifikation
steigt.
Das deckt sich mit der Beobachtung, dass die deutsche Volkswirtschaft
wesentlich mehr Hochtechnologie exportiert als importiert. Demgemäß
dürfte es in einer Volkswirtschaft, die ihren Mangel an nachwachsender
Hochtechnologie nicht mehr durch Zuwanderung von Hochtechnologieresten
aus den Ländern des untergegangenen insustriell-militärischen Komplexes
der ehemaligen SU zu decken imstande ist, demnächst zu einer
krisenhaften Mangelsituation kommen.

Ein Opiniator des WSJ folgerte gestern ähnlich folgerichtig unter dem
deprimierenden Eindruck der republikanischen Wahniederlage, dass man das
Ruder nur dadurch herumreißen könnne, dass man das Wahlrecht nur Leuten
verleiht, die eine weise Wahl zu treffen imstande sind.

Die zutreffende Prognose bezüglich der Bevölkerungsentwicklung in diesem
Lande hingegen dürfte sein, dass sich der Rückgang der Gesamtbevölkerung
erst dann erledigt, wenn bei einer der Fläche angemessenen Zahl von ca
50-60 Mio Einwohnern wieder die paradiesischen Lebensbedingungen für das
Aufbringen der Nachkommenschaft wie im Rest Europas ergeben.

Was sich so manche Volks- und Sozialwirtschaftler aus den der Feder
saugen, kann man, wie die Prognosen von Finanzwirtschaftlern in die
Tonne treten. Solange jedenfalls die deutsche Ausbildungskultur
flächendeckend mehr technisch Hochqualifizierte produziert als jedes
andere Land der Welt, werden diese ihre Chancen weltweit suchen, so wie
das seit Mitte des 19. Jh üblich ist.

Umgekehrt werden sich die hiesigen Bildungseinrichtungen demnächst
sicher bei den weltweit im Überfluss produzierten Absolventen der Denk-
und Schreibschulen bedienen müssen, deren Niveau zum Teil himmelweit
über dem der auf dem Hund angekommenen deutschen Bildungsfächern liegt.
--
Roland Franzius
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